Wenn das Minus den Strom abwürgt

Auf der Überführung von Varel nach Lemvig hatten wir den dritten Tag mit dichtem Seenebel begonnen und waren unter Radar und Maschine gelaufen. Als die Sonne durchkam, setzte der Wind aus Westnordwest wieder ein. Wir setzten die Segel und stellten den Motor ab. Unmittelbar danach war von jetzt auf gleich der Plotter dunkel und das komplette Verbrauchernetz tot. 

Eine LED im Salon flackerte und erlosch. Jeder andere Verbraucher tat dasselbe. Der Batterie-Monitor an der 24-V-AGM-Bank hatte kurz zuvor bei einem Routinecheck noch etwa 86 Prozent und 25,2 Volt angezeigt. Unter Last brach jedoch die Spannung komplett zusammen.

Cord-Jochen war zu diesem Zeitpunkt am Ruder und behielt zunächst seinen Steuerkurs bei und wir besprachen kurz anhand der Seekarte den weiteren Streckenverlauf. Andreas und ich zogen uns dann erstmal zur sorgfältigen Analyse zurück. Der erste Check galt dem Ausschließen eines Schmorbrands an einem Kabel bzw. dem Zustand der Batterien und deren Anschlüssen. Hier war alles im grünen Bereich. Anschließend erklärte ich Andreas anhand der detaillierten Stromlaufpläne das gesamte elektrische System. Alle sich aus einem anschließenden Brainstorming ergebenden Ideen verliefen im Sande. Nach mehrmaligem Aus- und Einschalten des Hauptschalters im Minusschenkel kam die Versorgung stabil zurück. Der Motor ließ sich testweise einwandfrei starten. Das reichte, um den Schlag – zugegebenermaßen  mit ungutem Gefühl – zu beenden. Gegen 20 Uhr gingen wir im Limfjord in der Lemvig Bucht bei Gjellerodde vor Anker.

Die eigentliche Geschichte begann erst danach. Ich lag eine Woche später allein in der Bucht vor Anker. Am frühen Morgen wollte ich verschlafen das Ankerlicht löschen, da traf mich der Schlag: ich starrte auf ein dunkles Panel. Nicht nur die Beleuchtung war weg. Motor und Ankerwinde reagierten nicht. Vor Anker, ohne Maschine und ohne Winde – was für ein unangenehmer Zustand. Zu allem Überfluss war für den Abend auch noch Starkwind angesagt. Die Idee vom ruhigen Ankertag verflog schlagartig.  

Die gesamte elektrische Anlage der Lankenau hatte ich 2017 selbstständig nach professioneller Anleitung geplant, überarbeitet und dokumentiert. Somit war ich gut im Thema. Mir fehlt aber die praktische Erfahrung eines Elektrikers, eine Störung zielgerichtet einzugrenzen. In dieser heiklen Situation holte ich mir Unterstützung durch KI, in diesem Fall Grok. Es galt, nach einer klaren Messfolge verschiedener Abgriffspunkte vorzugehen. 

Die Service-Bank besteht aus vier AGM-Batterien auf 24 Volt und 160 Ah. Zusätzlich gibt es eine Starter-Bank bestehend aus zwei baugleichen AGM-Batterien mit 80 Ah. Das elektrische Redundanzkonzept erlaubt es, Service- und Motorverbraucher wahlweise auf beide Bänke zu rangieren. Dieselbe Erscheinung trat auf, als die Serviceverbraucher auf die Starter-Bank geroutet wurden. Die Servicebatterien selbst schieden damit als Fehlerquelle aus.

Gemessen wurde dann letztendlich ohne Last und nur unter Verwendung einer einzelnen Kontroll-LED: am Eingang des Plus-Hauptschalters, über diesem Schalter, am Verteiler und an der LED. Hinter den Schaltern lag unter Last praktisch nichts mehr. Vor dem Minus-Hauptschalter blieb die Spannung stehen. Die Messung unmittelbar über diesem Minus-Hauptschalter – eine Spitze auf der Batterieseite, eine auf der Seite zum Netz – zeigte unter der kleinen LED 25,03 Volt. Die gesamte Systemspannung fiel also an den Kontakten dieses einen Bauteils ab. Diesen Hauptschalter hatte ich beim Refit nicht ausgetauscht und er hatte schlicht und ergreifend keinen zuverlässigen Kontakt mehr.

Als Interimslösung habe ich den defekten Schalter umgangen. Das Minus des Verteilers und das dicke Motorminus kamen auf die Sammelschiene vor dem Schalter, dort wo bereits das Ladegerät anliegt. Die in beiden Plus-Schenkeln vorhandenen Plus-Hauptschalter blieben bedienbar und sorgen für ein sauberes Trennen der Batterie-Bänke von den Verbrauchern. Eine Dauerlösung ist das nicht. Ein neuer Schalter ist bereits beschafft, muss aber leider mangels Platz an einer anderen Stelle montiert werden.

Die Ursache war nicht geheimnisvoll, sondern nur an der falschen Stelle vermutet. Man sucht zuerst bei den Batterien und bei der feinen Verkabelung. Der Fehler saß aber im größten Schalter im Minusschenkel.

Was bleibt: Bei einem plötzlichen Einbruch unter Last zuerst vor und hinter den Hauptschaltern messen, auf der Plus- und auf der Minusseite. Ohne Backup und ohne die Geduld, den Fehler zu suchen, wäre aus einem defekten Schalter schnell ein Problem vor Anker geworden.